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Die traumatisierte Gesellschaft


Dami Charf, eine Therapeutin und Ausbilderin, die ich sehr schätze, sagte einmal: „Wir sind eine traumatisierte Gesellschaft.“

Dem kann ich nur zustimmen, denn aus meiner Praxis-Erfahrung heraus kann ich bestätigen, dass viele meiner Klienten, und auch einfach Menschen, denen ich alltäglich begegne, Anzeichen einer Traumatisierung aufweisen.

Dabei geht es nicht um das klassische Schock-Trauma, das die meisten wohl kennen: ein singuläres, schreckliches Ereignis, das Menschen erleben, wie z.B. ein Unfall, ein Überfall, eine Vergewaltigung, ein Kriegserlebnis, etc.

Es geht um das Entwicklungstrauma: Das Konzept des Entwicklungstraumas ist in den letzten Jahren immer bekannter geworden, aber es bleibt ein oft unterschätzter Einflussfaktor auf unser Leben. Entwicklungstrauma bezieht sich auf erfahrene Verletzungen und Belastungen in der frühen Kindheit, die das emotionale, kognitive und soziale Wachstum beeinträchtigen und langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung des Individuums haben können. Entwicklungstrauma kann aus vielen verschiedenen Ereignissen resultieren, einschließlich emotionaler Vernachlässigung, sexueller, körperlicher oder emotionaler Missbrauch, Trennung oder Verlust von engen Beziehungspersonen, fehlender Stabilität und Sicherheit in der Kindheit, uvm. Es ist wichtig zu beachten, dass jeder Mensch unterschiedlich auf Entwicklungstrauma reagieren kann und dass nicht alle Betroffenen unbedingt offensichtliche Symptome zeigen. Einige Menschen können erfolgreich Coping-Mechanismen entwickeln, um mit den Auswirkungen des Traumas umzugehen, während andere später im Leben mit deutlichen Symptomen konfrontiert werden. Leider neigen wir als Erwachsene häufig dazu, Verletzungen, die uns in der Kindheit widerfahren sind, zu bagatellisieren, denn wir betrachten sie aus der Sicht eines Erwachsenen. Aber Kinder empfinden ganz anders. Sie sind viel empfindlicher, sie sind noch extrem formbar und verletzlich. Und auch viele kleine Mikro-Verletzungen können die Stabilität und das Selbstwertgefühls eines Kindes beeinträchtigen oder sogar zerstören. Zudem kommt dazu, dass wir uns an viele mögliche Verletzungen gar nicht mehr erinnern können, da sie vor unserem 3. Lebensjahr passiert sind.

Erst kürzlich erzählte mir eine Klientin, dass ihr Vater ihre Mutter immer davon abgehalten hat, sich um sie zu kümmern, wenn sie als Baby geschrien hat. Das wurde ihr von ihren Eltern erzählt, nachdem sie selbst Mutter geworden ist und es immer wieder Diskussionen darüber gab, wie man mit einem schreienden Baby umgeht. Bis heute geistern diese Erziehungsmethoden umher, die noch aus der Nazi-Zeit stammen. Man unterstellt dem Baby absichtliche Provokation. Man will verhindern, das Baby zu sehr zu „verhätscheln“.

Wenn ich so etwas höre, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Denn ich weiß, was es für ein Baby bedeutet, so behandelt zu werden. Für ein Baby bedeutet diese Nicht-Beachtung nämlich Todesgefahr! Denn ein Baby ist zu 100% auf die Hilfe der Eltern bzw. Bezugspersonen angewiesen. Es kann weder bösartig provozieren, noch schreit es einfach aus Langeweile. Es hat ein Bedürfnis, eine Not und benötigt Hilfe. Wird diese Hilfe verwehrt, könnte dies den Tod bedeuten. Und Todesgefahr gepaart mit Hilflosigkeit können ein Trauma erzeugen. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen, die zu einem Entwicklungstrauma führen können.

Folgen eines Entwicklungstrauma können z.B. sein:

- Mangelndes Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein oder Selbstvertrauen - Mangelndes Vertrauen in andere Personen - Bindungsstörungen - Ängstlichkeit - Fehlende oder schwierige Impulskontrolle - Niedrige Stress-Toleranz - Tendenz zu Burnout und Depressionen - Permanente Erschöpfung - Schuldgefühle - Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen - Uvm.


Um nun den Bogen zu Dami Charfs Aussage zu spannen: es gab unzählige Ereignisse in unserer Geschichte, die traumatisch waren und die weder gesellschaftlich noch individuell betrachtet, jemals aufgearbeitet wurden (2 Weltkriege, die Spaltung Deutschlands, und selbst Corona hat Menschen traumatisiert). Und da Trauma weitergegeben und sogar weitervererbt werden kann, gibt es heutzutage kaum jemanden, der nicht traumatisiert ist.

Somit ist Trauma nicht die Ausnahme, sondern tatsächlich die Regel. Das zu hören, ist für viele Menschen eine Erleichterung, die glauben, dass sie mit ihrem Leid alleine sind.

Glücklicherweise gibt es zahlreiche hilfreiche Behandlungsmethoden für diejenigen, die unter den Auswirkungen von Entwicklungstrauma leiden. Psychotherapie, insbesondere Trauma-fokussierte Therapien, können hilfreich sein, um Betroffene dabei zu unterstützen, ihre Vergangenheit zu verarbeiten und ein gesünderes emotionales und soziales Leben zu führen.

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